Fällt uns nichts mehr ein?

Wo wollen wir hin? Vorwärts oder rückwärts? Beides. Wir zerreißen uns förmlich. Wir wollen noch schnelleres Internet, fühlen uns nackt, wenn wir unser Smartphone mal zuhause vergessen haben, suchen Hotels danach aus, ob es im Zimmer einen WLAN-Hotspot gibt. Ohne GPS und Navigation wären wir schon in unserer eigenen Stadt völlig verloren. Unsere Kontakte pflegen wir bequem in Online-Netzwerken und schreiben lieber Mails, weil uns ein Brief viel zu lange dauert. Jetzt warten wir nur noch darauf, dass Smart Textiles und Wearable Computing endlich auch für den Normalbürger erschwinglich werden …

Moderne Technologien entwickeln sich so rasant wie nie, und was gestern noch sensationelle Novität war, ist heute schon Gewohnheit und aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Wir schätzen das Mehr an Bequemlichkeit, das uns smarte „Gadgets“ für die Jackentasche oder das Web 2.0 bescheren, und gehen davon aus, dass in ein paar Monaten alles noch viel toller, schneller, günstiger und schicker sein wird.

Trotzdem scheint uns – oder unserem Unterbewussten – das enorme Tempo, das uns die Welt vorgibt, Schwierigkeiten zu bereiten. Wir sehnen uns nach etwas, an dem man sich ein bisschen festhalten kann. Insgeheim bestellen wir uns über den Webshop eines Bauernhofs mit herrlich antiquiertem Namen noch „richtige“ Lebensmittel wie früher: Bio-Eier und Äpfel, die sich einen Dreck um EU-Normgrößen scheren. Birnen, in denen auch mal ein echter Wurm drin ist.

Wir suchen ein Stückchen heiler Welt aus der Kindheit. Zum Beispiel TV-Serien der Augsburger Puppenkiste, das A-Team oder Pierre Brice als Winnetou. Mythen, die immer für uns da sind, an die wir uns klammern können wie an den sprichwörtlichen Fels in der Brandung. Wir wollen die alte Musik aus den 60ern, 70ern und 80ern – oder eben Musik, die genauso klingt. Kein Wunder also, dass sich Wolfmother wie Led Zeppelin anhört, die Arctic Monkeys wie die frühen Who und Franz Ferdinand als Kinks-Kopie durchgehen. Und das Beste: Wir haben MP3-Player, auf deren Flash-Speicher unsere gesamte Musiksammlung Platz findet – aber wir nehmen wieder „Mixtapes“ auf störanfälligen C90-Kassetten mit unüberhörbarem Hintergrundrauschen auf. Geht´s noch?

Jenseits des technischen Fortschritts wird unser Leben zu einer Kopie der Vergangenheit. Die Kopie der Kopie der Kopie. C64, Amiga und Atari sind Kult. Auf den Straßen zischen die neuen Minis und Beetles an uns vorbei, als wir den Diner betreten, der uns mit seinen knallroten Sitzbänken aus glänzendem Lederimitat zurückbeamt in die Zeit von James Dean und Marilyn Monroe. Und während wir da so sitzen und uns von der netten Dame im Petticoat zu Elvis-Klängen unseren Burger servieren lassen, mag sich der eine oder andere im Stillen fragen: Warum kopieren wir eigentlich nur noch Vergangenes? Warum jagt ein Remix das nächste Remake. Warum leben wir im Internet-Zeitalter und gleichzeitig in einer Art „Kindheit reloaded“? Ist uns bei all der Rasanz unseres Lebens die eigene Fantasie abhanden gekommen, mit der wir neue, unsere ureigenen Mythen schaffen könnten?

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Kategorie: Allgemein Comments Off on Fällt uns nichts mehr ein?

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