Herr Schmid bekommt eine Audienz – eine kleine Liebesgeschichte

Herr Schmid kennt sich aus in der Welt der europäischen Königshäuser. Es ist seine geheime Leidenschaft, von der niemand etwas wissen darf – auch die alte Frau im Zeitschriftenkiosk nicht. Dort schielt Herr Schmid jeden Tag sehnsüchtig zu dem Regal mit der Gala, der Frau im Spiegel, dem Goldenen Blatt, um die wichtigsten Schlagzeilen zu überfliegen – während er am Tresen in der Schlange steht, um sein Modellbauer-Fachblatt zu bezahlen. Wie geht es Stephanie von Monaco? Welche Sorgen treiben Carl Gustav um? Ist Prinz Philip wieder schwanger? Hat Letizia vielleicht Beschwerden mit ihrer operierten Nase?

Nase? Ja, Nasen – das ist die zweite Leidenschaft von Herrn Schmid. Schmal und spitz müssen sie sein. Knollen- und Stupsnasen hingegen haben es schwer bei Herrn Schmid. Die einen sind zu grob, die anderen zu süß. Aber spitz und schmal – das wirkt so aristokratisch, so kultiviert. Wie die Queen mit ihrem Handtäschchen.

Jeden Tag, wenn Herr Schmid morgens ins Büro kommt, passiert er den Schreibtisch einer Kollegin, die ihn geradezu blendet mit ihrer Schönheit. Wie sie dasitzt mit ihrem güldenen Märchenhaar. Wie sie zugleich royale Würde und betörende Sinnlichkeit ausstrahlt. Wie sie beim Gehen den Kopf nach hinten neigt und ihr spitzes Näschen in die Luft reckt. Herr Schmid ist hin und weg: Wie in der Gala, denkt er sich. Ich ihr ganz nah und doch ganz fern. Sie wird mich nie beachten.

Herr Schmid weiß nicht, was er sagen soll. Ich bin gar nicht würdig, dass sie sich mit mir unterhält, denkt er, und lächelt ihr schüchtern aus dem Augenwinkel zu. Und hofft, dass nicht just in diesem Moment sein künstliches Hüftgelenk quietscht und ihn in peinliche Erklärungsnöte bringt.

Wie hübsch sie doch ist, schwärmt Herr Schmid heimlich in Gedanken. Ich würde so gerne einmal ihr güldenes Haar streicheln! Sie einmal ganz zärtlich in den Arm nehmen. Dann wäre mein Leben von Glück erfüllt. Wenn ich doch nur ein Mitglied des Hochadels wäre. Dann hätte ich vielleicht eine Chance.

Herr Schmid findet es toll, wie gepflegt seine Kollegin immer aussieht. Er liebt es, ihren Duft zu schnuppern, wenn sie voller Anmut durch die Büros schwebt. Bestimmt hat sie zuhause ein Badezimmer voller Töpfchen und Tiegelchen. Ölchen, mit denen sie ihre zarte, weiche Haut massiert, und Cremchen, die ihr genügend Feuchtigkeit geben, um immer so frisch und gesund auszusehen. Wie Mette-Marit, wenn sie mit einer riesigen Champagnerflasche ein Schiff taufen muss.

Champagner? Nein, Prosecco: Einmal versuchte die Kollegin auf einem Fest, Herrn Schmid mit einem Gläschen Prosecco etwas aus der Reserve zu locken und ihn etwas gesprächiger zu machen. Doch vergeblich: Wieder war Herr Schmid so überwältigt von der Schönheit seiner Kollegin, dass er kein Wort herausbrachte. Langweiler, dachte sie jetzt bestimmt über ihn, und Herr Schmid wurde sehr traurig.

Doch eines Tages meint es das Schicksal gut mit Herrn Schmid. Als er morgens ins Büro kommt, muss er feststellen, dass die Frau seiner heimlichen Träume nicht da ist. Und das, nachdem er schon mindestens eine halbe Stunde vorher in der Straßenbahn dem Moment entgegengefiebert hat, in dem er wieder einen Blick auf das güldene Haar und diese einer Cleopatra würdigen Nase erhaschen würde. Frau Meier ist krank, sagt man ihm. Das betrübt Herrn Schmid sehr, und er kann sich kaum auf seine Arbeit konzentrieren. Doch mit einem Mal fasst er sich ein Herz und wächst förmlich über sich selbst hinaus. Er, der riesige Angst vor dem Telefonapparat hat, nimmt all seinen Mut zusammen und wählt die Nummer seiner kranken Kollegin. „Ja?“, hört er ihre engelsgleiche Stimme … und schmilzt dahin. Er fragt sie, wie es ihr geht … und … ob er sie einmal … zuhause … besuchen soll, damit es ihr nicht so … langweilig ist. „Ja, gerne!“, antwortet seine Kollegin. Das ist nicht das, was Herr Schmid erwartet hatte …

HERR SCHMID, WAS HAST DU GETAN????? Herr Schmid kennt sich selbst nicht mehr. Und ist ein bisschen stolz auf sich. Schmid, du Schwerenöter, denkt er sich und lächelt zufrieden in sich hinein.

Bevor er seine Kollegin dann tatsächlich zuhause besucht, kauft Herr Schmid in der besten Konditorei der Stadt noch ein putziges Schächtelchen mit putzigen Marzipanpralinen – nicht wissend, dass seine Angebetete kein Marzipan mag.

Es ist schon dunkel, als er an ihrer Tür klingelt. Sie öffnet, und er umarmt sie. Schließt die Augen und fühlt sich geborgen wie nie zuvor in seinem Leben. Sein Herz schlägt bis zum Hals.

Als er dann die Wohnung betritt und sein Hüftgelenk beim Überschreiten der Türschwelle laut und deutlich quietscht, denkt er sich: Sie sieht aus wie eine Königin. Das ist die tollste Frau der Welt. Und du musst alles dafür tun, sie zu gewinnen. Du möchtest dein ganzes Leben mit ihr verbringen. Diese Nase …

An diesem Abend sieht Herr Schmid, dass im güldenen Märchenhaar seiner Kollegin ein kleines, funkelndes Krönchen sitzt. Doch das Krönchen sehen nur die, die ihrer würdig sind …

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