1984 / 2014

Die Zukunft holt uns immer wieder ein. Zum ersten Mal spürte ich das 1984, in dem Jahr, in dem jeder eifrig darüber nachdachte, welche von George Orwells Visionen schon Realität geworden waren. Nun ja, es waren damals schon einige. Und die Welt kam einem unheimlich modern vor, das Leben war von gefühlter Hektik geprägt – und doch war es für heutige Verhältnisse unglaublich langsam. Und hier beginnt meine eigentliche Geschichte …

1984 pendelte ich oft zwischen Nürnberg und London – per Zug und Schiff. Sehr gemächlich, eine Tagesreise. Auf der Fähre von Ostende nach Dover hatte ich genügend Zeit, mir aktuelle Kinofilme anzuschauen – zum Jahreswechsel war das „James Bond: Never Say Never Again“. Eine Szene beeindruckte mich damals so sehr, dass sie mir auch heute noch immer wieder in den Sinn kommt: Sean Connery und sein Widersacher Klaus Maria Brandauer sitzen sich an einem Tisch gegenüber und treten in einer Art Computer-Spiel gegeneinander an. In der Mitte ein transparenter Screen mit einer dreidimensionalen Weltkugel. Damals für mich in der Realität unvorstellbar. Mittlerweile würde das niemand mehr für besonders futuristisch halten. Im Gegenteil: Heute fordert die Szene fast genauso zu einem amüsierten Lächeln heraus wie die Pappmaché-Kulissen aus der ersten „Star Trek“-Staffel. Wer heute Serien wie „CSI“ oder „Navy CIS“ konsumiert, dem fliegen die transparenten Computerscreens nur so um die Ohren. Da werden Bilder mit einer lässigen Handbewegung auf das Display gezaubert und dann mit den Fingern zurechtgezogen wie auf dem iPhone.

Überhaupt, das iPhone: Seine Touchscreen-Technologie scheint tatsächlich ein neues Bewusstsein für die Wichtigkeit benutzerfreundlicher Interfaces geweckt zu haben. Während man sich früher per „dir“ und „cd“ ohne zu murren durch wirre Verzeichnisstrukturen auf der Festplatte gehangelt hat und sich dabei mit seinem Computer-Geheimwissen ganz toll vorkam, will man es heute ganz einfach haben. Das nahmen die schwedischen Interface-Spezialisten von The Astonishing Tribe zum Anlass, eine Vision zu entwickeln, wie die Benutzer-Interfaces der nahen Zukunft aussehen könnten.

In dem kleinen Film „The Future of Screen Technology“ demonstrieren die Schweden den Tagesablauf des technisierten Menschen um 2014: mit Displays, die sich nach Belieben auseinanderziehen lassen, transparenten Touchscreen-Bildschirmen, Nachrichten-Ticker, die sich am Badspiegel beim Zähneputzen abrufen lassen und Smartphones, zwischen denen man Daten per Fingerbewegung austauschen kann.

Vieles davon erscheint uns heute absurd – wie mir Bonds Spieltisch anno 1984 auch völlig abwegig vorgekommen ist. Trotzdem deutet der Film von The Astonishing Tribe eine Entwicklung an, die so ganz ähnlich stattfinden könnte. Und vielleicht erleben wir ja in den kommenden vier Jahren noch so manches Screendesign, das sogar diese Visionen in den Schatten stellt? Durchaus im Bereich des Möglichen – erst recht wenn man sich vergegenwärtigt, wie rasant die Entwicklung der digitalen Medien in den 26 Jahren seit 1984 vonstatten gegangen ist.

Vielleicht denken wir in einigen Jahren: Die Welt kam einem 2010 unheimlich modern vor, das Leben war von gefühlter Hektik geprägt – und doch war es für heutige Verhältnisse unglaublich langsam …

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Kategorie: Allgemein, Fundstücke Comments Off on 1984 / 2014

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